Noch zwei Wochen sind mir in Italien geblieben.. Es wird mal die Zeit, einen Blogeintrag über mein Leben hier zu verfassen. Dieses Mal wird es um das eigentliche Ziel des Auslandssemesters - Studium - gehen. Denn ich habe sechs Monate an einer der bekanntesten und rennomiertesten Uni in Italien studiert - Università di Bologna. Wegen der Sportfakultät bin aber im Campus Rimini gelandet, denn Bologna hat, wie meine Heimathochschule, ein System der Multicampen, zwischen denen sich die Studierenden frei bewegen können.
Kurse
Am Campus Rimini habe ich fast alle Sportkurse gefunden, die ich auch an der Ostfalia gehabt hätte, damit man mir dieses Semester auch anerkennt, und ich keines mehr draufhängen müsste. Zuerst waren es aber zu viele Kurse. Angekommen in Italien hatte ich aber mitgeteilt bekommen, dass viel Kurse ausfallen. Somit musste ich schon in Rimini ein neues Learning Agreement (Vertrag über den Kursabschluss) machen, den ich mit Hilfe von E-Mails mit unseren Dozenten abgesprochen habe. Gott sei Dank, werden mir alle Kurse wie vorhin anerkannt! Immerhin sind stolze 7 Kurse geblieben. Da es hier aber kein Modulsystem vorhanden ist, musste ich jedes einzelne als eine Prüfung schreiben. Problematisch war auch der Fakt, dass ich ein paar Kurse im Masterstudiengang genommen habe, es bedeutete - mehr investierte Zeit und auch mehr Stoff zu lernen. Insgesamt muss ich sagen, ich hatte noch nie in meinem Leben so viel gepaukt, gelernt und vor allem so viele Fachbücher gelesen.
Studiumsystem
Studium hier ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Es gibt ganz schön viele Verwaltungsorgane des Unilebens, mann muss sich lange zurechtfinden, an wen sich wenden soll, wenn man ein Problem oder Frage hatte. Da ich einen Kurs an der Wirtschaftsfakultät hatte (Business and Corporate Finance), begann ich schon Anfang Februars mit den Vorlesungen. Die Sportfakultät begann im März. Studienpläne wurden erst wenige Tage vor dem Beginn der Vorlesungen online gestellt. Dabei war es manchmal schwer festzustellen, in welchem Raum oder Gebäude man die Vorlesung eigentlich hat. Ich hatte einen Vorfall, wo es in Stundenplan eine Vorlesung in einer Aula stattfand, die weder der International Student Office noch die Verwaltung der Fakultät kannte. Musste dann bei meinen italienischen Kommilitonen nachfragen, die mir dann auch weitergeholfen haben. Im Stundenplan sind auch keine Pausen miteingezählt. Also, z.B. eine Vorlesung ist von 8 bis 11, die nächste schon von 11 bis 13 und so weiter. Ich hatte manche Dozenten, die die Vorlesung pünktlich bis zum Ende gehalten haben, und dann musste ich zuerst viel laufen, um für die nächste nicht zu spät zu sein. Das war aber erst am Anfang so. Später habe ich mitbekommen, dass kein Professor eigentlich die Vorlesung pünktlich beginnen lässt. 15 akademischen Minuten hier in Italien sind was anderes als in Deutschland. Hier muss man immer diese 15 Minuten warten, bis die Vorlesung beginnt. Manchmal auch ganze halbe Stunde. Wenn nicht mehr...
Italienische Studenten benehmen sich auf den ersten Blick sehr respektlos gegenüber den Professoren. Niemand siezt, keiner nennt sogar den Namen des Dozenten. Alles, was man sagt, wenn man eine Frage hat oder etwas dagegen sagen will - "Ma Prof" (Aber, Professor (kurz)). Die Dozenten scheinen auch oft unvorbereitet zu den Vorlesungen zu kommen. Fast alle haben ihre Power Point Präsentationen, die aber wirklich keinen Wert haben, wenn man die Prüfung bestehen will. Dass Einzige, was hier einen Wert hat, ist das Buch oder die Bücher, abhängig von dem Fach. In Sportsoziologie, zum Beispiel, musste ich ganze drei 200-Seiten-Bücher lesen. Es gab auch ein Fach, wo "der Prof" von drei Stunden nur eine der Vorlesung widmete, dabei erzählte er in dieser Stunde meistens was ganz Anderes, als dann bei der Prüfung in drei offenen Fragen für 30 Punkte von uns verlangt wurde.
Ach, diese 30 Punkte... Italien hat ein 30-Punkte-System. Um das Fach zu bestehen, muss man auf 18 Punkte richtig geantwortet haben. Prüfungsformen sind ganz verschieden: offene 3 bis 10 Fragen, Multiple Choice, mündlich. Ich habe hier auch sehr viele Variationen des Multiple Choices erlebt: von "nur-falsche-Antworten-wählen" bis hin zu ganz einfachen "stimmt-oder-nicht". Ich bin dann mal gespannt, wie man diese Noten in das deutsche System umwandeln wird. Denn die Fächer hier im gesamteuropäischen System ECTS haben mehr Credits als in Deutschland. Was eigentlich auch mehr absolvierte Lehrstunden bedeutet...
In einer Prüfungszeit haben die Italiener eine Möglichkeit bis zu 3 Mal dieselbe Prüfung zu schreiben. Wenn man bei diesen drei Terminen nicht schafft, es zu bestehen, dann kann man es in der nächsten Prüfungszeit noch 3 Mal versuchen.
Das Studium selbst ist sehr theorielastig. Manche "Profs" versuchen, Projekte einzubauen, meistens aber nur in den Masterkursen. Oft muss man auch zusätzlich zu der Prüfung eine wissenschaftliche Arbeit schreiben. So musste ich eine Arbeit zu den Hygienevorschriften und Sicherheit in den deutschen Sporteinrichtungen anfertigen, und auch eine in der Sportsoziologie zum Thema "Italienische Audience bei der EM2008, die Spiele der deutschen Nationalmannschaft im TV verfolgt hat". Und das alles auf Italienisch, als Erasmus-Student. Ihr habt gehört, dass Erasmus ein pures Partyleben ist? Wenn man sich ordentlich vorbereiten will und kein Extra-Semester mehr absolvieren will, dann nicht. Dann ist es schwer, die ganzen Tage einfach nur Party zu machen.
Sprache
Es war auch schwer der Sprache wegen. Ich habe Italienisch als dritte Sprache an meiner ersten Uni studiert, habe aber 4 Jahre lang vor dem Semester kein einziges Wort auf Italienisch gesprochen. Und hier in Emilia Romania spricht man auch Romagnolo, ein Dialekt, der irgendwie für mich wie ein Italienisch mit spanischem Akzent klingt. Und sauschwer zu verstehen, wenn die Leute schnell reden. Mein "Prof" in Business and Corporate Finance war so einer. Die Materie war schwer, ihn zu verstehen war es aber noch schwerer. Ich hatte alle Kurse hier auf Italienisch, englischsprachige Fächer wurden in diesem Semester nicht angeboten.
Campus
Der Campus in Rimini ist relativ groß, im Vergleich zu Ostfalia besonders groß. Die Gebäude befinden sich oft weit voneinander entfernt. Meine Kurse fanden in den 4 Gebäuden statt, somit musste ich viel laufen. Was mich ein wenig enttäuschte, war die technische Seite des Campus. Es gab nur 2 Multifunktionsgeräte fürs Kopieren und Drucken - eines in der Bibliothek, das zweite im Hauptgebäude. Die Preise für das Drucken sind hier auch unverschämt hoch. Von den 100 Euro, für die die Erasmus-Studenten frei drucken konnten, kostete eine Kopie stolze 3 Euro, also 100 Euro reichten nur für ein bisschen mehr als 30 Seiten. Und dann musste man in speziellen Automaten Druckkarten kaufen, wo dann eine Kopie 5 Cent kostete, nur, als Unterschied zu Ostfalia, eine Doppelseite kostet auch das Doppelte. Und drucken und kopieren musste man viel und oft. Schon wegen der Bücher. Die gab es in der Bibliothek, man konnte sie aber nur für eine Woche leihen. Dann konnte man 5 Mal die Leihe verlängern, aber nur wenn keine anderen diese Bücher haben wollten. Meistens konnte man überhaupt kein Buch ausleihen, da es in einem Exemplar in der Bibliothek war. So kopierte man die Bücher oder Teile davon, um diese dann zu Hause in Ruhe zu lesen.
In der Mensa gab es ein wenig mehr Auswahl, als bei uns an der Ostfalia. Das Essen ist aber viel teurer. Für Salat und zweiten Gang (z.B. Pasta oder Fisch) musste man ab 4 Euro zahlen. Über den Geschmack lässt sich nicht streiten, manchmal hat es geschmeckt, manchmal nicht.
Integration
Ich bemängele noch irgendwelche Integrationsaktionen der Hochschule. An einem Tag wurden wir vom International Student Office versammelt und kurz über das Unisystem erklärt. Dabei hat man uns auch die Studentenorganisation ESN vorgestellt, die angeblich den Erasmus-Studierenden in allen Belangen helfen sollte. Tja, die Organisation selbst war nur auf die Veranstaltung der Partys eingestellt. Dabei haben die manchmal wirklich hohe Preise von uns für ihre "Mühen" verlangt, was wir schnell gemerkt haben und uns dann auch selbst organisiert haben. Meistens nur im Kreise der Erasmus-Studierenden, also Ausländer, wo die Umgangssprache natürlich Englisch war. Was ich persönlich nicht schlecht finde, da ich mein Englisch auch dabei verbessern konnte. Dabei hatte ich mehr Glück als die meisten, da ich alle Kurse außer einem nur mit Italienern hatte, somit war es für mich leichter, mich zu integrieren, und Freunde unter Italienern zu finden.
Also, das war´s im Großen und Ganzen. Wenn ich mich noch an etwas erinnere, dann mach ich ein Update für den Post. Gerne werde ich auch die Fragen zum Studium in Rimini beantworten.
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